5. Teil der Sprachserie: Spracherziehung in der Kindertagesstätte St. Elisabeth

Sprachbildung gelingt besonders nachhaltig, wenn Kinder Sprache in vielfältigen Situationen erleben dürfen. Deshalb setzen wir in unserer Kindertagesstätte St. Elisabeth unterschiedliche Methoden ein, die sich gegenseitig ergänzen und an den Interessen sowie Entwicklungsständen der Kinder orientieren.
Über folgende Methoden haben wir bereits ausführlich berichtet. Deshalb werden diese hier nur nochmal kurz erwähnt, um sie in Erinnerung zu rufen, da diese unbedingt dazugehören:
- alltagsintegrierte Sprachbildung – Lernen im täglichen Miteinander
- Freispiel und Rollenspiel
- offene Fragen und Gesprächsanlässe sowie einfache Sprache von uns pädagogischen Fachkräften, als „Sprachvorbilder“
- dialogische Bilderbuchbetrachtung
- Sprachbildung in einer mehrsprachigen Lebenswelt
Im fünften und somit letzten Teil unserer Sprachserie befassen wir uns mit weiteren Methoden, welche wir in unserer Einrichtung regelmäßig anwenden, um die Kinder in ihrer Sprachentwicklung intensiv zu unterstützen und zu fördern:
- Lieder, Reime, Verse und Fingerspiele:
Sprachmelodien, Rhythmus, Töne und Musik unterstützen sowohl den Spracherwerb als auch die sprachliche Bildung der Kinder auf spielerische Weise. Sie verbinden Sprache mit Bewegung, Melodie und Wiederholung. So schaffen sie eine gemeinsame, freudvolle Lernatmosphäre, in der Kinder Sprache ganzheitlich erleben.
Besonders das gemeinsame Singen nimmt in unserer Kita einen hohen Stellenwert ein.
Lieder bereichern den Tagesablauf, sei es im Morgenkreis, bei Festen und Feiern, während Übergängen oder als fester Bestandteil von Projekten und den Deutschkurseinheiten bzw. Vorkurs – Deutsch – Stunden. Durch das wiederholte Singen prägen sich Wörter, Begriffe, Satzstrukturen und sprachliche Wendungen, auf natürliche Weise ein. Gleichzeitig erweitern die Kinder ihren Wortschatz und entwickeln im Laufe der Zeit selbst ein Gefühl für Sprachmelodie, Betonung und Satzrhythmus. Lieder fördern darüber hinaus die phonologische Bewusstheit, also die Fähigkeit, Sprachlaute zu hören, zu unterscheiden und miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Kompetenz bildet eine wichtige Grundlage für den späteren Erwerb der Schriftsprache sowie für das Lesen- und Schreibenlernen. Zudem stärkt gemeinsames Singen das Gemeinschaftsgefühl und das Selbstvertrauen. Kinder erleben Freude am gemeinsamen Musizieren, trauen sich ihre Stimme bewusst einzusetzen und erfahren, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind. Ob traditionelle Kinderlieder, Bewegungslieder, Kreisspiele oder selbst erfundene Liedtexte – das gemeinsame Singen schafft täglich zahlreiche Sprechanlässe und macht Sprache zu einem lebendigen Erlebnis.
Reime und Verse unterstützen zusätzlich das Erkennen von Lautfolgen und Wortklängen und erleichtern den Kindern den spielerischen Umgang mit Sprache. Fingerspiele verbinden Sprache mit Bewegung und sprechen mehrere Sinne gleichzeitig an. Während Kinder Texte sprechen und Bewegungen ausführen, werden Konzentration, Merkfähigkeit, Feinmotorik und Sprachverständnis gleichermaßen gefördert. Durch die Verknüpfung von Sprache und Handlung / Bewegung bleiben Wörter, Sätze und Inhalte besonders nachhaltig im Gedächtnis.
- Erzählrunden und Kamishibai:
Regelmäßige Erzählkreise (z.B. im Stuhlkreis) bieten den Kindern wertvolle Gelegenheiten, ihre sprachlichen Fähigkeiten aktiv einzusetzen und weiterzuentwickeln. Sie erhalten Zeit und Raum, von eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Interessen, Wünschen oder Beobachtungen zu berichten und lernen gleichzeitig anderen aufmerksam zuzuhören. Durch den gegenseitigen Austausch werden gemeinsame Gesprächsregeln, wie das Ausredenlassen, Zuhören und das angemessene Regieren auf Beiträge anderer, gefördert. Somit erweitern die Kinder ihren Wortschatz, üben sich im Bilden zusammenhängender Sätze und entwickeln ihre Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Erlebnisse verständlich und strukturiert auszudrücken und vor anderen vorzutragen.
Ergänzend dazu setzen wir in unserer Kita regelmäßig das „Kamishibai“, das japanische Erzähltheater, als sprachförderndes Medium ein. Die großformatigen Bildkarten unterstützen das freie Erzählen und regen die Kinder zum genauen Betrachten, Beschreiben, Vermuten und Nachdenken an. Durch gezielte Fragen werden sie ermutigt, eigene Ideen einzubringen, Zusammenhänge zu erkennen und den weiteren Verlauf der Geschichte vorauszusagen. Das gemeinsame Erzählen fördert die sprachliche Ausdrucksfähigkeit, die Erzählkompetenz, sowie die Kommunikationsfähigkeit. Gleichzeitig werden Fantasie, Kreativität und aktives Miteinander angeregt, indem die Kinder die Geschichte weitererzählen, ergänzen oder gemeinsam entwickeln. Diese Angebote schaffen eine wertschätzende Atmosphäre, in der Kinder Freude am Sprechen entwickeln, Selbstvertrauen im sprachlichen Ausdruck gewinnen und ihre kommunikativen Kompetenzen kontinuierlich erweitern.
- Kinderkonferenzen und demokratische Kinderwahl:
Kinderkonferenzen sind ein fester Bestandteil unseres Kita – Alltags und schaffen einen Rahmen, in dem Kinder ihre Meinungen, Wünsche und Ideen frei äußern können. Sie lernen einander zuzuhören, unterschiedliche Standpunkte zu respektieren und gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Dadurch werden sprachliche, soziale und demokratische Kompetenzen gleichermaßen gestärkt. Im Rahmen der Kinderkonferenz finden regelmäßig demokratische Kinderwahlen statt. Ob die Auswahl eines Projektthemas, eines Ausflugsziels, einer Aktivität im Morgenkreis oder die Umgestaltung einzelner Spielecken im Gruppenzimmer – die Kinder erleben, dass ihre Stimme zählt und sie den Kitalltag aktiv mitgestalten können.
Als besondere Kinderwahl in unserer Kita zählt definitiv die alljährliche „Gruppennamenwahl“! Ein paar Wochen nach dem Kitajahresbeginn, dürfen alle Kinder in ihren jeweiligen Gruppen, in einer Kinderkonferenz einen neuen Gruppennamen wählen, welcher die Kinder das ganze Jahr in ihrer Gruppe begleitet.
Bei den Konferenzen bringen Kinder eigene Vorschläge ein, begründen ihre Entscheidungen, diskutieren verschiedene Möglichkeiten und stimmen schließlich demokratisch ab. (Z.B. mit Hilfe von selbstgemalten Bildern und Muggelsteinen, die den Kindern ihre Wahlmöglichkeiten sichtbar und abschließend sogar messbar machen.) Während dieses Prozesses erweitern die Kinder ihren Wortschatz, üben das Formulieren von Argumenten und lernen, ihre Gedanken vor anderen verständlich auszudrücken. Gleichzeitig erfahren sie Partizipation, also Mitbestimmung. Sie erleben, dass demokratische Entscheidungen auf gegenseitigem Respekt, Beteiligung und Mehrheitsentscheidungen beruhen.
Auch wenn die eigene Idee nicht immer gewählt wird, entwickeln sich die Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen anzuerkennen und gemeinsam getroffene Entscheidungen zu akzeptieren.
Kinderkonferenzen verbinden sprachliche Bildung mit gelebter Demokratie. Sie fördern Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und Partizipation und vermitteln den Kindern frühzeitig grundlegende Werte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. So wird Sprache zu einem wichtigen Instrument, um eigene Anliegen zu vertreten, Verantwortung zu übernehmen und Gemeinschaft aktiv mitzugestalten.

- Geschichtenkoffer / Geschichten mit allen Sinnen erleben:
Eine besonders anschauliche Methode der Sprachbildung ist unser, bei den Kindern sehr beliebter, Geschichtenkoffer. Diesen bestücken wir immer passend zu einer Geschichte mit verschiedenen Figuren, Gegenständen oder Materialien, die den Inhalt der Erzählung widerspiegeln und dadurch lebendig werden lassen.
Während des Erzählens dürfen die Kinder die Materialien entdecken, betrachten, ertasten, benennen und aktiv in die Geschichte einbeziehen. Dadurch wird Sprache mit konkreten Erfahrungen verknüpft.
Die Kinder erinnern sich leichter an neue Begriffe und entwickeln Freude daran, Geschichten aufmerksam zu hören, selbst nachzuerzählen oder sogar weiterzuerfinden. Oftmals tauchen sie nach der Geschichtenerzählung selbst in ausgiebige Rollenspiele ein, indem sie den Inhalt der Geschichte sprachlich verarbeiten. Der Geschichtenkoffer eröffnet vielfältige Sprachanlässe: Die Kinder lernen hierbei Gegenstände zuzuordnen und zu beschreiben, erklären Zusammenhänge, entwickeln eigene Ideen, teilen sich mit und tauschen sich miteinander aus. Besonders Kinder, die zunächst zurückhaltend sprechen oder Deutsch als Zweitsprache erwerben, profitieren von den anschaulichen Materialien und finden dadurch häufig leichter Zugang zur Sprache.
- Kreative Sprachwerkstatt / Fantasie wird zur Sprache:
Besonders intensiv entwickelt sich Sprache, wenn Kinder kreativ sein dürfen. In der kreativen Sprachwerkstatt verbinden sich Erzählen, Gestalten, Rollenspiel, Bewegung und Fantasie. Mit Bildkarten, Erzählsteinen, Naturmaterialien, Handpuppen, Fingerpüppchen oder selbst gestalteten Figuren entwickeln Kinder eigene Geschichten. Sie beschreiben ihre Werke, erzählen Erlebnisse und schlüpfen in verschiedene Rollen. Ebenso können Kinder durch eine selbst erfundene Geschichte und dazu gestalteten Bildern ein eigenes wertvolles „Kinder – Bilderbuch“ erstellen.
Wir pädagogische Fachkräfte begleiten diese Prozesse durch offene Fragen und wertschätzende Gesprächsimpulse. So entstehen vielfältige Sprechanlässe, die Wortschatz, Satzbau, Ausdrucksfähigkeit und kommunikative Kompetenzen gleichermaßen fördern. Bei Bedarf der Kinder, verschriftlichen wir gerne für sie ihre Ideen bzw. Buch- Geschichtentexte, die sie sich selbst überlegt haben.
Das Experimentieren von Buchstaben ist gerade im letzten Jahr vor der Einschulung ein elementarer Bestandteil der kreativen Sprachwerkstatt.

- Sprache und digitale Medien:
Digitale Medien können die sprachliche Bildung sinnvoll ergänzen, wenn sie bewusst, altersgerecht und pädagogisch begleitet eingesetzt werden, (wie zum Beispiel Hörbücher, Tiptoi – Bücher…) Sie ersetzen weder das persönliche Gespräch noch das gemeinsame Vorlesen, eröffnen jedoch zusätzliche Möglichkeiten, Sprache zu entdecken und kreativ zu nutzen.
In unserer Kita kommen digitale Medien gezielt zum Einsatz. So können Kinder beispielsweise mit uns gemeinsam, Wimmelbücher vertonen, eigene Hörgeschichten erfinden und aufnehmen, digitale Bilderbücher gestalten oder mithilfe eines Tablets Naturbeobachtungen dokumentieren und anschließend ihre Entdeckungen beschreiben.
Auch das Fotografieren selbst gebauter Bauwerke oder kreativer Kunstwerke bietet zahlreiche Gesprächsanlässe indem z.B. gemeinsam „Stopp – bzw. Slow – Motion Filme“ gedreht werden. Dabei ist es notwendig, dass Kinder ihr Vorgehen diskutieren und planen, diesbezüglich ihre Ideen erläutern und abschließend gemeinsam ihre Erfahrungen und Ergebnisse reflektieren.
Entscheidend ist dabei die aktive Rolle der Kinder! Digitale Medien dienen nicht dem Konsum, sondern werden mit den Kindern gemeinsam als Werkzeug genutzt, um Sprache anzuregen, Erlebnisse festzuhalten, Geschichten zu erzählen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
In diesem Sinne unterstützen wir eine zeitgemäße sprachliche Bildung und bereiten die Kinder auf eine zunehmend digitale Lebenswelt vor.
Fazit:
Ob im Morgenkreis, einer Kinderkonferenz, beim dialogischen Lesen, Erzählungen mit dem Geschichtenkoffer, in der kreativen Sprachwerkstatt, im Rollenspiel oder beim reflektierten Einsatz digitaler Medien, alle Methoden verfolgen ein gemeinsames Ziel: Sie schaffen vielfältige Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen! Kinder erleben Sprache als lebendiges Ausdrucksmittel, mit dem sie ihre Gedanken, Gefühle und Ideen mitteilen können. So wird Sprachbildung zu einem selbstverständlichen Bestandteil des pädagogischen Alltags. Sie bildet die Grundlage für Chancengerechtigkeit, Teilhabe und lebenslanges Lernen!